Kein Verbrechen wird allein begangen. Ist das Verbrechen des Missbrauchs ein Einzelfall oder ist es organisiert?

„Kein Verbrechen wird allein begangen“. Neben dem Täter gibt es immer einen oder mehrere andere Verbrecher. Wenn diese nicht gefunden werden, kann ein Betrugsfall nicht wirklich als gelöst betrachtet werden. Denn…
Hasan Alsancak, 09.01.2026
„Der Text betont, dass unternehmerisches Fehlverhalten oft nicht nur ein einzelner „fauler Apfel“im Korb ist, sondern in einem Ökosystem aus aktiven Komplizen, passiven Zuschauern, schwachen internen Kontrollen, problematischer Unternehmenskultur und unzureichender Unternehmensführung auftritt. Auch wenn es aus Sicht der Kommunikation verlockend ist, eine einzelne Person zu beschuldigen und die Akte zu schließen, entspricht dies nicht der Realität und behindert den Lernprozess der Organisation. Daher sollte die Schlüsselfrage für Führungskräfte lauten: „Wie war dies in dieser Organisation möglich?“ und nicht: „Wie hat diese Person dies getan?“
Wenn es um Fehlverhalten in der Unternehmenswelt geht, liegt der Fokus oft auf einem einzelnen „faulen Apfel“. Schlagzeilen und Präsentationen des Managements deuten meist auf eine Person hin: Buchhaltungsleiter, Beschaffungsspezialist, Filialleiter… Diese Person wird entlassen, „die notwendigen Maßnahmen wurden ergriffen“ und die Akte wird geschlossen.
Sowohl Fallstudien als auch empirische Untersuchungen zeigen jedoch, dass unternehmerisches Fehlverhalten sehr oft das Ergebnis einer Zusammenarbeit ist und dass die Darstellung von Einzeltätern die Realität nur unvollständig widerspiegelt. Insbesondere bei komplexen Buchhaltungs- und Beschaffungsbetrügereien wird festgestellt, dass Netzwerke aus internen und externen Akteuren, organisierten Strukturen und „professionellen Vermittlern“ (wie Anwälten, Buchhaltern, Beratern) gemeinsam handeln.
In Übereinstimmung mit den Ergebnissen des ACFE und ähnlicher Studien betonen die Fallstudien, dass Fehlverhalten oft mit aktiven Komplizen und passiven „Zuschauern“ geschieht und dass Erzählungen von Einzelpersonen das institutionelle Lernen schwächen.
Warum die Single Offender Story verlockend ist – und warum sie gefährlich ist
Für Unternehmen ist die Suche nach einem einzigen Sündenbock schnell, praktisch und attraktiv für die Kommunikation. Die Geschäftsleitung möchte den internen und externen Stakeholdern versichern, dass „das Problem erkannt, die Person beseitigt und das Risiko vorbei ist“. Die Forschung weist jedoch auf zwei kritische Risiken hin:
- Sie spiegelt nicht die Realität wider: Es hat sich gezeigt, dass an großen und langwierigen Übergriffen oft mehrere Täter und/oder Unterstützer beteiligt sind, wobei interne und externe Akteure gemeinsam handeln.
- Die Organisation kann nicht lernen: Die Konzentration auf den Einzelnen führt dazu, dass die wirklichen Auslöser ignoriert werden: schwache interne Kontrolle, problematische Kultur und schlechte Führung.
Daher beginnt die wirkliche Lösung eines Falles mit der Frage „Wie war dies in diesem Unternehmen möglich?“ vor „Wie hat diese Person dies getan?“.
Wahre Partner im Verbrechen: Menschen, Prozesse und Kultur
Die Studien fassen die Struktur, die unternehmerisches Fehlverhalten ermöglicht, in drei Hauptdimensionen zusammen:
- Schwaches internes Kontrollsystem: Fehlende Aufgabentrennung, Genehmigungsmechanismen, die nur auf dem Papier bestehen, und das Fehlen einer wirksamen Überwachung verstärken die Chancen-Komponente.
- Problematische Organisationskultur: Es hat sich gezeigt, dass Kulturen, die sich ausschließlich auf Ergebnisse und finanzielle Leistung konzentrieren und Ethik und Compliance als zweitrangig betrachten, Fehlverhalten begünstigen, während starke, wertebasierte Kulturen das Risiko von Fehlverhalten verringern.
- Unzureichende Unternehmensführung und Innenrevision: Eine schwache Aufsicht durch den Vorstand, ein schwaches Engagement der Geschäftsleitung für Ethik und ein Mangel an unabhängiger/unwirksamer Innenrevision verzögern die Aufdeckung von Fällen.
Die Forschung zeigt, dass in einem Umfeld, in dem die interne Revision und die interne Kontrolle wirksam sind und die Mechanismen zur Meldung von Missständen funktionieren und geschützt sind, das Risiko und der Schaden von Fehlverhalten deutlich reduziert werden.
Was bedeutet „Die Straftat kann erst dann als aufgeklärt gelten, wenn alle Täter gefunden sind“?
Ein Unternehmen könnte das Fehlverhalten abgetan und ein Gerichtsverfahren eingeleitet haben. In der Literatur wird jedoch betont , dass eine Ökosystemanalyse für eine echte Lösung unerlässlich ist:
- Um zu verstehen, ob die Straftat einzeln oder in einer Gruppe begangen wurde, empfiehlt es sich, das Beziehungsnetz und mögliche „Betrugsringe“ zu untersuchen.
- In einer beträchtlichen Anzahl von Fällen wird berichtet, dass verschiedene „rote Flaggen“ zuvor beobachtet, aber nicht ernst genommen wurden und das Zeitfenster aufgrund mangelhafter Berichterstattung und Überwachung lange Zeit offen blieb.
- Eine unabhängige Bewertung der internen Kontrolle und der Mechanismen einer guten Unternehmensführung wird als entscheidend angesehen, um wiederkehrende Vorfälle zu verhindern.
Daher zeigt die Literatur, dass es nicht ausreicht, nur Sanktionen gegen den Täter zu verhängen. Das Risiko bleibt dauerhaft bestehen, wenn das interne Kontrollsystem, die Unternehmenskultur und die Governance-Strukturen nicht gestärkt werden.
Botschaft für Führungspersönlichkeiten
Die Forschung zeigt, dass die Haltung der obersten Führungsebene, die wir als „tone at the top“ bezeichnen, sowohl die Wirksamkeit der internen Kontrolle als auch das kulturelle Klima bestimmt. Kurzfristiger finanzieller Druck macht es leichter, unethisches Verhalten zu rationalisieren, während Lücken in der Unternehmensführung diese Tendenz verstärken.
Wenn also ein Fall von Fehlverhalten auftritt, ist die entscheidende Frage:
„Haben wir wirklich alle Komplizen aufgedeckt – Menschen, Prozesse, kulturelle und Governance-Schwächen – oder nehmen wir nur eine Person von der Bühne und setzen das gleiche Spiel fort?“
Die wissenschaftliche Literatur zeigt, dass Unternehmen, die versuchen, Missbrauch auf der Ebene des Netzwerks, des Systems und der Kultur und nicht auf der Ebene des Individuums zu verstehen, langfristig widerstandsfähigere und zuverlässigere Strukturen aufbauen können.
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